Burg Bommersheim - ein Glücksfall für die Archäologie

Shownotes

Was kann eine grüne Wiese über das Leben im Mittelalter erzählen? Unter einer unscheinbaren Fläche in Bommersheim kamen die Fundamente einer 1382 zerstörten Wasserburg zum Vorschein – und mit ihnen eine außergewöhnlich gut erhaltene Momentaufnahme des mittelalterlichen Alltags. In unserer neuen Podcastfolge spricht Dr. Reinhard Friedrich über die archäologischen Ausgrabungen der Burg Bommersheim: über eine mächtige Zerstörungsschicht, rund 600 Keramikgefäße, Leder- und Textilreste, Tierknochen, Pflanzenfunde und die Frage, was all diese Spuren über Ernährung, Kleidung und Leben auf einer Burg verraten. Eine Folge über Burgenarchäologie, überraschende Funde und Geschichte, die jahrhundertelang unter der Erde verborgen lag. Die archäologischen Ausgrabungsstücke der Burg Bommersheim werden im "Vortaunus Museum" in Oberursel ausgestellt.https://www.vortaunusmuseum.de/Home.html

Weitere Information auf https://www.colognedigital.de/podcast/unsere-burgen Landkarte zum Podcast: www.colognedigital.de/podcast/unsere-burgen Weitere Information zu den Burgen finden Sie in der Burgendatenbank: https://www.ebidat.de/

Ein Podcast der Deutschen Burgenvereinigung www.deutsche-burgen.org realisiert von Cologne Digital GmbH

Transkript anzeigen

: Hier ist der Podcast der Deutschen Burgenvereinigung. Wir haben uns den Erhalt und die Erforschung europäischer Burgen und Schlösser zum Ziel gesetzt.

00:00:30: Hallo, meine Lieben! Ich bin in Braubach und sitze oben im Archiv. Und ich kann verraten: Es ist wirklich ganz schön warm hier oben unter dem Dach. Um mich herum stehen die großen Schränke mit den Archivalien, die hier gelagert werden. Ich kann nur sagen: Kommt vorbei, schaut euch das an! Es atmet Geschichte. Mir gegenüber sitzt, wie schon so oft, Dr. Reinhard Friedrich, der ehemalige Leiter des Europäischen Burgeninstituts. Heute wollen wir uns wieder mit Archäologie befassen, und zwar anhand eines ganz besonderen Beispiels: der Burg Bommersheim. Ich habe das ja in einem früheren Podcast angekündigt. Die Burg Bommersheim ist sehr spannend. Anhand dieser archäologischen Ausgrabung kann man sehr viel darüber lernen, was eine archäologische Ausgrabung bedeutet und welche Erkenntnisse sich daraus gewinnen lassen.

00:01:35: Hallo erst einmal in die Runde, gewissermaßen. Die archäologische Burgenforschung ist natürlich ein wichtiger Faktor, um das Mittelalter zu erschließen. Ich muss ein wenig einleiten, denn wir haben unterschiedliche Methoden, um Burgen zu erforschen. Das eine sind die Historiker, die ja schon öfter zur Sprache kamen. Sie arbeiten mit Schriftquellen und werten diese aus. Das andere sind die Burgen selbst, die noch stehen. Auch diese steinernen Zeugnisse der Geschichte sind echte Primärquellen, die von Bauforschern ausgewertet werden. Heute wollen wir uns mit dem dritten Standbein beschäftigen, nämlich der Burgenarchäologie. Sie ist eine noch eher junge Sparte der Burgenforschung, die sich in den vergangenen dreißig oder vierzig Jahren stärker etabliert hat. Sie nutzt archäologische Methoden, also insbesondere Ausgrabungen, um die Quellen an Burgen zu erschließen. Während wir bei erhaltenen Burgen noch Bausubstanz haben, kommen die Archäologen meist dann zum Einsatz, wenn die Burg bereits abgetragen ist oder nur noch Fundamente vorhanden sind.

00:02:49: Interessant. Die Archäologen kommen also, wenn man eigentlich nur noch eine grüne Wiese sieht. Und ich glaube, in Bommersheim war das auch der Fall, wenn ich mich recht erinnere.

00:02:57: In Bommersheim war es genau so. Bommersheim liegt etwas nördlich von Frankfurt am Fuße des Taunus und gehört heute zur Stadt Oberursel. Es liegt gewissermaßen in Sichtweite der Stadt Frankfurt, ungefähr fünfzehn Kilometer entfernt. Aus Schriftquellen wusste man, dass die Burg im Jahr 1382 von der Stadt Frankfurt zerstört worden war – und zwar gründlich.

00:03:22: Das waren nämlich Raubritter?

00:03:25: Das war ein Rechtsstreit. Die Stadt Frankfurt sagte: Ihr behindert unseren Warenverkehr, greift Kaufleute an und nehmt sie sogar bei euch gefangen. Wir kennen das natürlich nur aus der Sicht der Stadt Frankfurt, aus einem Beschwerdebrief beziehungsweise der Fehdeerklärung, die man übermittelte. Darin wird aufgelistet, was die Bommersheimer der Stadt Frankfurt angeblich alles angetan hatten: Sie sollen unter anderem Felder außerhalb Frankfurts abgeerntet, Kaufleute ausgeraubt und teilweise als Geiseln genommen haben. Dabei sollen sogar Menschen ums Leben gekommen sein. Das sind schwere Vorwürfe, aber wir kennen die Gegenseite nicht. Jedenfalls beschloss die Stadt Frankfurt, ein kleines Heer aufzustellen und zu bezahlen. Sie schaffte sich auch eine der frühen Kanonen an beziehungsweise nahm einen Kanonengießer in ihre Dienste – versorgte sich also gewissermaßen mit Hightech. Dann erklärte sie Bommersheim und einigen anderen Burgen die Fehde. Der Fehdebrief ist erhalten und auf den 29. Januar 1382 datiert. Normalerweise wurde ein solcher Brief erst kurz vor der eigentlichen Aktion ausgehändigt, damit sich die Gegenseite nicht lange darauf vorbereiten konnte. Spätere Beschwerden der Bommersheimer Ritter wegen der Zerstörung ihrer Burg, also ihre Schadenersatzforderungen an die Stadt Frankfurt, erlauben uns eine sehr genaue zeitliche Eingrenzung auf den Februar 1382. Das passt auch gut, weil Bommersheim eine Wasserburg war und dieser Winter offenbar sehr kalt gewesen ist. Sogar der Rhein bei Mainz war zugefroren. Man kann sich gut vorstellen, dass auch der Burggraben zugefroren war und die Burg dadurch eines wichtigen Verteidigungssystems beraubt wurde. Man wusste allerdings nicht, wo die Burg genau gelegen hatte. Diese historischen Zusammenhänge waren bereits bekannt, und die Schriftquellen waren ausgewertet. Doch wo innerhalb Bommersheims die Burg lag, war unklar. Dazu gab es verschiedene Theorien. In den Weihnachtsferien 1987/88 beobachtete ein Bewohner, wie ein Bagger eine Zuleitung zum nahegelegenen Kindergarten aushob. Dabei stieß der Bagger immer wieder auf Steine, und es knirschte laut. Daraufhin wurden Fachleute hinzugezogen. Tatsächlich handelte es sich um die Fundamente der ehemaligen Burg, einer Ringmauerburg. Sie lagen unter dem früheren Kerbeplatz mitten im Ort – gewissermaßen unter einer zentral gelegenen grünen Wiese. Damit war die Burg wiederentdeckt und ihr genauer Standort bekannt. Oberirdisch war nichts mehr zu erkennen.

00:06:16: Jetzt waren die Archäologen alarmiert. In welchen Schritten geht eine solche Ausgrabung eigentlich vor sich? Man findet einige Steine, vermutet etwas Interessantes – und was geschieht dann?

00:06:29: In diesem Fall handelte es sich um eine Fundmeldung. Ein besorgter Bürger rief beim Museum an und sagte, dort sei etwas. Dann fuhr jemand hinaus, sah die starken Fundamente und sagte zunächst: Stopp, wir müssen uns einen Überblick verschaffen. In der Baggerschaufel kamen bereits erste Funde zum Vorschein. Sie waren so vielversprechend, dass man entschied, eine richtige Ausgrabung durchzuführen. Dafür gibt es im Prinzip ein Standardverfahren. Eine Fläche wird abgesteckt und flächig ausgegraben. Anschließend erweitert man sie Stück für Stück. Damit hatte man begonnen, stellte aber sehr schnell fest, dass Bommersheim eine ganz besondere Situation bot. Man muss sich eine Ringmauerburg vorstellen: Die vom Bagger entdeckte Ringmauer umschloss die eigentliche Burg. Direkt davor lag ein Wassergraben. An dieser Stelle fanden sich zahlreiche fundreiche Schichten, dicht gepackt mit Scherben und organischem Material, das sich im feuchten Milieu erhalten hatte. Da werden Archäologen natürlich besonders aufmerksam. Es zeigte sich, dass dies ein sehr wichtiger Fundplatz werden konnte: Es lagen große Mengen an Funden vor, organisches Material war erhalten, und das Ganze ließ sich zudem sehr genau datieren. Daraus entwickelte sich eine Grabungskampagne, die sich über mehrere Jahre hinzog.

00:08:01: Ein echter Glücksfall für die historische Forschung. Und der Grabungsleiter war damals Dr. Reinhard Friedrich, der hier gerade vor mir sitzt?

00:08:11: Nein. Die Grabungen selbst habe ich nicht geleitet. Ich befand mich damals gerade in der Schlussphase meiner Dissertation und ging zwei Jahre später an die Römisch-Germanische Kommission. Dort war Karl-Friedrich Rittershofer bereits tätig. Er arbeitete außerdem ehrenamtlich im Museum Oberursel und hatte die Grabung begonnen und geleitet. Ich kam später hinzu, weil ich Spezialist für Keramik bin. Das ist ja immer Teamarbeit. So fügt sich das sehr schön zusammen.

00:08:43: Was ist das Besondere an der Burg Bommersheim? Was kann man hier besonders gut lernen?

00:08:47: Das Besondere war, dass die Kollegen sehr schnell eine Schicht im Burggraben entdeckten, die wir später eindeutig als Zerstörungsschicht identifizieren konnten. Man muss sich das folgendermaßen vorstellen: Bei der Zerstörung wurden offenbar viele Teile des Haushalts einfach aus den Fenstern auf das Eis des zugefrorenen Wassergrabens geworfen. Das zeigten später die Grabungsergebnisse. Wir fanden zahlreiche Gefäße, deren Bruchstücke noch zusammenpassten, außerdem organisches Material. Wenn das Eis abtaut, sinkt alles ein Stück nach unten. So entstand eine vierzig bis achtzig Zentimeter mächtige Zerstörungsschicht, also der Schutt der Zerstörung. Darüber lagen Reste des Daches, das später herunterfiel, und darüber wiederum Teile der Burgmauer. Dadurch erhielten wir eine sehr schöne Stratigrafie des Verfallsvorgangs. Für Archäologen ist eine solche Schicht mit Fundmaterial und organischem Material, die durch die Zerstörung im Februar 1382 sogar jahrgenau datiert werden kann, ein außerordentlicher Glücksfall – für die Bommersheimer war sie das natürlich nicht.

00:10:00: Die haben sich später auch beschwert. Haben sie dafür eigentlich eine Entschädigung bekommen?

00:10:06: Nein. Der Rechtsstreit zog sich ungefähr zehn Jahre hin und wurde bis vor den Kaiser getragen. Der entschied schließlich, dass die Stadt richtig gehandelt habe und dies habe tun dürfen. Damit waren die Schadenersatzforderungen endgültig vom Tisch.

00:10:24: Was hat man dort nun genau gefunden?

00:10:26: Auch das hängt mit dem methodischen Vorgehen zusammen. Nachdem man erkannt hatte, dass es sich um eine ganz besondere Schicht handelte, teilte man diesen Fundkomplex im Wassergraben in einzelne Quadrate ein. Man legte ein Vermessungsnetz mit Quadraten von jeweils einem Meter Seitenlänge darüber und konnte dann schrittweise in die Tiefe gehen. Die Funde wurden in Kisten getrennt aufbewahrt, sodass immer nachvollziehbar blieb, aus welchem Quadrat ein Fund stammte. Auch die Tiefe wurde dokumentiert: Alle fünfzehn Zentimeter begann gewissermaßen eine neue Schicht. Dadurch ließ sich jeder Fund einem bestimmten Quadrat und einer bestimmten Tiefe zuordnen. Die Fläche wurde sorgfältig mit gespannten Schnüren eingeteilt und eingemessen. Die Funde kamen jeweils in getrennte Kartons, damit sich nichts vermischte. So geht man bei einer Grabung vor und dokumentiert alles. Denn man trägt eine Schicht endgültig ab. Sie wird weggenommen, weil man tiefer gelangen muss. Insofern ist eine Ausgrabung immer auch die endgültige Zerstörung dessen, was man ausgräbt. Deshalb muss alles äußerst sorgfältig dokumentiert werden. Ein derart hoher Aufwand ist nicht immer möglich und lohnt sich auch nicht an jedem Fundplatz. In diesem Fall hat er sich jedoch sehr gelohnt und wurde entsprechend betrieben. Bereits während der Grabung sah man, dass sich darunter einige sehr besondere Fundstücke befanden. Ihre eigentliche Bedeutung wurde aber erst bei der späteren Auswertung deutlich. Daran war ich dann unmittelbar beteiligt.

00:11:58: Heute ist dort kein Wasser mehr. War der Wassergraben schon trocken, als gegraben wurde?

00:12:04: Vollständig trocken war er nicht, aber er führte kein Wasser mehr. Der Untergrund war dennoch feucht genug, damit sich organische Reste erhalten konnten. Damit fange ich vielleicht einmal an, denn genau das war das Besondere. Man fand Schuhsohlen und andere Teile von Schuhen. Außerdem entdeckte man Lederreste eines Wamses oder mehrerer Kleidungsstücke. Einige davon waren offenbar bereits vor der Zerstörung in den Burggraben gelangt – vermutlich kaputte Dinge, die weggeworfen worden waren. Es wurden auch Gürtel gefunden, an denen die Beschläge noch erhalten waren, darunter schöne vergoldete Bronzebeschläge. Solche wertvollen Stücke gehören eher in die Zerstörungsschicht, denn die wirft man nicht einfach weg. Es gab also zunächst eine ganze Reihe organischer Materialien. Dazu kamen einige Textilreste, viele Tierknochen, die von einer Kollegin als Speisereste ausgewertet wurden, und botanische Reste. Ein Teil des Materials wurde gesiebt und geschlämmt. Für Archäologen war das eine wahre Fundgrube.

00:13:12: Die Textilreste interessieren mich jetzt besonders. Was waren das für Materialien?

00:13:16: Es waren nur kleinere Reste: Teile gewebter Gürtel, die in der Technik des Brettchenwebens hergestellt worden waren, und einige erhaltene Stofffetzen. Das war nicht der ergiebigste Fundbereich.

00:13:29: Wolle? Leinen?

00:13:31: Das weiß ich nicht mehr genau. Da müssten wir noch einmal nachschauen.

00:13:34: Darüber habe ich ja in einem anderen Podcast schon gesprochen.

00:13:39: Eines Ihrer Lieblingsthemen.

00:13:40: Genau, eines meiner Lieblingsthemen: Woher weiß man eigentlich, welche Materialien verwendet wurden?

00:13:47: Die Fundstücke wurden Stück für Stück von verschiedenen Spezialisten ausgewertet. Die Tierknochen wurden im Rahmen einer Dissertation untersucht. Andere Fachleute analysierten Pollenreste und konnten dadurch Flora und Landschaft dieser Zeit teilweise rekonstruieren. Es handelte sich um eine offene Waldlandschaft, in der auch Weidewirtschaft möglich war. Das ließ sich aus den erhaltenen Pollen ablesen. Für uns Archäologen waren natürlich auch die unmittelbaren Fundstücke besonders interessant.

00:14:35: Ich muss noch einmal nachfragen. In einem früheren Podcast ging es darum, welche Tiere auf Burgen gehalten wurden. Deshalb finde ich die Knochenreste besonders spannend. Waren das normale Abfallreste? Oder wurden bei der Eroberung alle Tiere getötet und anschließend in den Burggraben geworfen? Das wäre ja eine große Verschwendung gewesen. Und um welche Tiere handelte es sich?

00:15:02: Die Knochen lagen teilweise in tieferen Schichten. Man muss sich vorstellen, dass die Zerstörungsschicht von 1382 den Burggraben nach oben abschließt. Der Burggraben war jedoch bereits im ersten Viertel des 13. Jahrhunderts angelegt worden und hatte somit mehr als 150 Jahre bestanden. In der Zeit vor der Zerstörung entsorgte man dort einfach Abfälle. Dazu gehören auch die Tierknochen. Die Tiere kamen also nicht während der Kampfhandlungen ums Leben. Es handelte sich um die Überreste dessen, was die Bewohner im Laufe von etwa 150 Jahren verzehrt und anschließend im Burggraben entsorgt hatten. Die Auswertung ergab das klassische Bild: Die Burgbewohner ernährten sich vor allem von Rind und Schwein. Da sämtliche Teile der Rinder gefunden wurden, konnte man daraus schließen, dass die Tiere lebend zur Burg gebracht und dort geschlachtet wurden. Außerdem fanden sich Knochen von kleineren Tieren wie Ziegen und Hühnern. Jagdwild war nur in sehr geringen Mengen vertreten. Auch das ist typisch für Burgen. Die frühere Vorstellung, der Ritter gehe auf die Jagd und ernähre damit die gesamte Burgbesatzung, ist nicht haltbar. Die Jagd war eher ein sportliches beziehungsweise ehrenvolles Vergnügen. Natürlich freute man sich darüber, bei besonderen Anlässen Wildbret verzehren zu können.

00:16:38: Ein gewöhnlicher Burgherr durfte auch gar nicht unbedingt alles jagen. Bestimmtes Wild war tatsächlich dem Landesherrn vorbehalten, etwa Hirsche und auch Wildschweine. Je nach Stand durfte man sich daran nicht vergreifen. Für niedrigere Jagdrechte blieben eher Hasen, Rebhühner und anderes Niederwild. Das war vermutlich auch weniger nahrhaft.

00:17:06: Das änderte sich natürlich von Zeit zu Zeit. Ich habe im Moment nicht genau im Kopf, welches Jagdwild in Bommersheim gefunden wurde. Theoretisch kann die Archäologie aber auch nachweisen, dass man sich nicht an solche Verbote gehalten hat.

00:17:19: Spannend!

00:17:20: Das kennen wir aus anderen Grabungen. Dort lässt sich das teilweise sehr schön beobachten. Eine kleine Anekdote am Rande: Pasteten waren unter anderem deshalb beliebt, weil sich später kaum nachweisen ließ, welche Tiere darin verarbeitet worden waren. Oder denken Sie an Funde von Schachspielen in den Aborten und Kloaken von Klöstern. Das Spielen war dort nicht erlaubt. Wurde man entdeckt, warf man das Spiel offenbar schnell in die Toilette. Die Archäologie fördert manchmal Dinge zutage, die zeigen, dass Verbote umgangen wurden. Umgekehrt sagt man sogar: Schon die Tatsache, dass es ein Verbot gab, zeigt, dass etwas tatsächlich gemacht wurde.

00:18:03: Kommen wir zu Bommersheim und zum Fundmaterial zurück.

00:18:06: Das Material wurde in einzelne Bereiche gegliedert. Anschließend werteten verschiedene Spezialisten die Funde aus: Fachleute für Tierknochen sowie Kolleginnen und Kollegen aus der Botanik und Pollenanalyse. Dadurch ließ sich auch feststellen, was teilweise gegessen wurde. Es fanden sich große Mengen an Kirschkernen, außerdem Weintrauben und zwei oder drei Pfirsichkerne. So konnten wir einiges darüber erfahren, wie auf einer mittelalterlichen Burg im 14. Jahrhundert gelebt wurde und welche Früchte man dort verzehrte.

00:18:49: Fanden sich auch Dinge, die von weit her kamen?

00:18:52: Der Pfirsich ist für diese Zeit schon eine Besonderheit.

00:18:57: Wurden Pfirsiche damals als Früchte eingekauft? Gab es vor Ort keine Pfirsichbäume?

00:19:02: Ob sie in der Nähe gewachsen sind, kann ich nicht sicher sagen. Auf jeden Fall waren Pfirsiche damals noch etwas Exotisches und vergleichsweise Neues. Den größten Anteil am Fundmaterial machte jedoch die Keramik aus. Darüber haben wir schon in einigen Podcasts gesprochen, und es gilt weiterhin: Keramik fällt in großen Mengen an und bleibt gut erhalten. Dafür braucht man kein feuchtes Milieu. Das Besondere in Bommersheim war, dass viele Gefäße weitgehend wieder zusammengesetzt werden konnten. Einige waren sogar vollständig erhalten. Wir fanden mehrere Becher, die unversehrt geblieben waren. Sie waren in den Burggraben gelangt, ohne zu zerbrechen.

00:19:46: Kann man sie heute noch irgendwo im Museum sehen?

00:19:48: Im Vortaunusmuseum in Oberursel. Dort sind die Funde in einem eigenen Raum sehr schön ausgestellt worden. Die Abteilung wird derzeit umgebaut, weshalb das Museum beziehungsweise dieser Bereich momentan geschlossen ist. Wer also am nächsten Wochenende direkt nach Oberursel fährt, könnte enttäuscht werden. Die Funde befinden sich aber dort, waren dort ausgestellt und werden dort auch wieder gezeigt werden. Sie geben einen außergewöhnlichen Einblick in das alltägliche Leben. Das Besondere ist, dass Archäologen normalerweise vor allem Bruchstücke zerbrochener Gefäße finden, also Abfallreste, bei denen nur selten mehrere Scherben zusammenpassen. In Bommersheim wurden die Reste von ungefähr 600 Gefäßen gefunden. Einige waren vollständig erhalten, andere ließen sich zu großen Teilen wieder zusammensetzen. Das war ein riesiges Puzzlespiel, das ungefähr ein Jahr lang betrieben wurde.

00:20:47: Was waren das für Gefäße?

00:20:48: Es war alles dabei, was das damalige Leben ausmachte. Besonders schön war natürlich das Tischgeschirr. Außerdem gab es einige Gläser, darunter Nuppengläser, über die wir schon einmal in einem Podcast gesprochen haben. Den größeren Anteil am Volumen machte allerdings das Kochgeschirr aus. Dazu gehörte eine grobe, sogenannte glimmerhaltige Ware mit einem hohen Glimmeranteil. Sie wurde irgendwo in der Region hergestellt. Die Forschung war eigentlich davon ausgegangen, dass diese Ware zu jener Zeit nicht mehr verwendet wurde, weil wir sie bereits seit der Karolingerzeit kennen. Die Fundschicht von Bommersheim zeigte jedoch, dass sie im späten 14. Jahrhundert noch in Gebrauch war. Es handelt sich um einen der spätesten Nachweise von Kochtöpfen aus glimmerhaltiger Ware. Daneben gab es die übliche reduzierend gebrannte Ware und zahlreiche oxidierend gebrannte Töpfe – also ganz unterschiedliche Warenarten, die vornehmlich in der Küche verwendet wurden.

00:21:42: Jetzt muss ich mehr über diese Materialien erfahren. Was ist glimmerhaltige Ware?

00:21:46: In einem keramischen Scherben befindet sich meist eine sogenannte Magerung. Gerade Kochgefäße sind direkter Hitze und starken Temperaturschwankungen ausgesetzt. Deshalb gibt man dem Ton gröbere oder feinere Partikel bei, meistens Quarzsand. Sie gleichen die Temperaturschwankungen ein Stück weit aus und verhindern, dass der Scherben bei der Hitze reißt. Bei der glimmerhaltigen Ware wurde grober Glimmer als Magerung beigegeben. Dadurch erhält der Scherben eine grobe und poröse Struktur. Das Material eignet sich aber sehr gut dafür, das Gefäß unmittelbar ins Herdfeuer zu stellen.

00:22:41: Glitzert das, weil es Glimmer heißt?

00:22:41: Ja. Quarz, Feldspat und Glimmer sind die drei Hauptbestandteile von Granit. Glimmer ist ein Material, das sich leicht in kleine Blättchen aufspaltet. Diese schimmern tatsächlich. Je nachdem, wie man das Gefäß ins Licht hält, kann man den Glimmer ein wenig glänzen sehen. Wertvoll wirkt es nicht, aber man kann ihn erkennen.

00:23:12: Sind die Gefäße außen glasiert?

00:23:14: Nein, diese Gefäße sind nicht glasiert – oder noch nicht glasiert. Es waren einfache, grobe Kochtöpfe, die man direkt ins Herdfeuer stellte. Glasuren kommen in dieser Region erst in der letzten Generation der Bommersheimer auf, ungefähr um 1350. Aus dieser Zeit gibt es einige schöne Töpfe, die innen mit einer kräftigen grünen Bleiglasur versehen sind und ein kleines Henkelchen an der Seite besitzen. Manche sagen, sie sähen in ihrer Form wie Nachttöpfe aus. Ich halte jedoch das Gegenteil für wahrscheinlicher. Wir haben das mit verschiedenen Kollegen besprochen. Es könnten Gefäße gewesen sein, die man als besseres oder gewissermaßen sonntägliches Geschirr auf den Tisch stellte.

00:24:01: Wie groß sind sie? Wie kann ich mir das vorstellen?

00:24:06: Die Schüsseln sind ungefähr fünfzehn Zentimeter hoch. Sie haben eine große, bauchige Form, einen kleinen Wellenfuß und ein kleines Henkelchen an der Seite. An diesem Henkel sollte man das Gefäß vermutlich nicht hochheben, denn dafür war es wohl nicht stabil genug. Vielleicht diente es eher dazu, das Gefäß beim Essen mit einer Hand festzuhalten und am Drehen zu hindern. Es war auf keinen Fall ein Vorratsgefäß. Ich kann mir gut vorstellen, dass solche Gefäße damals bei Tisch als besseres Geschirr verwendet wurden. Einige Jahrzehnte später waren Glasuren allgemein üblich. Dann finden wir sie auch an einfacheren Geschirren und schließlich sogar an Kochtöpfen. Zu der Zeit von Bommersheim war diese Entwicklung jedoch noch nicht abgeschlossen.

00:24:47: Also Gefäße für Suppen oder Breie?

00:24:51: Ja, genau. Die Glasur hob die Gefäße optisch hervor. Deshalb kann ich mir gut vorstellen, dass sie nicht als Nachttöpfe dienten – das wäre das untere Ende der Qualitätsskala gewesen –, sondern tatsächlich als etwas besseres Geschirr. Schriftliche Aufzeichnungen dazu gibt es allerdings nicht. Es bleibt eine Interpretation.

00:25:11: Waren die Gefäße zusätzlich verziert, oder bestand die Verzierung nur aus der Glasur?

00:25:13: Es war nur die Glasur. Wir wissen aber, dass sie in Dieburg hergestellt wurden, denn es handelt sich um dieselbe Warenart. Das haben wir auch chemisch untersuchen lassen. Dieburg liegt ungefähr dreißig Kilometer entfernt. In derselben Töpferei wurden auch Nischenkacheln hergestellt, die außen glasiert waren. Solche Kacheln wurden für Kachelöfen verwendet. Mit ihrer grünen oder gelben Glasur wirkten sie in den Raum hinein und machten den Kachelofen zu einem Zierstück. Das zeigt, dass Glasur damals noch neu und etwas Besonderes war, das man sichtbar präsentieren wollte.

00:25:55: Die Burg Bommersheim hat bei dieser archäologischen Ausgrabung viele Geheimnisse über das Leben im Mittelalter preisgegeben. Das Thema ist so interessant, dass wir gleich noch eine weitere Folge dazu aufnehmen werden, denn es gibt noch sehr viel zu erzählen. An dieser Stelle danke ich zunächst Dr. Reinhard Friedrich für seine interessanten Ausführungen zur Archäologie. Wir werden auf jeden Fall eine weitere Folge über Bommersheim machen. Bis dahin: Tschüss!

00:26:28: Schaut in die Shownotes. Dort verlinken wir die Datenbank, in der man noch mehr erfahren kann, und auch das Vortaunusmuseum in Oberursel, in dem man die Funde hoffentlich bald wieder vor Ort betrachten kann. Likt und verbreitet diesen Podcast weiter. Die zweite Folge kommt bestimmt.

Neuer Kommentar

Dein Name oder Pseudonym (wird öffentlich angezeigt)
Mindestens 10 Zeichen
Durch das Abschicken des Formulars stimmst du zu, dass der Wert unter "Name oder Pseudonym" gespeichert wird und öffentlich angezeigt werden kann. Wir speichern keine IP-Adressen oder andere personenbezogene Daten. Die Nutzung deines echten Namens ist freiwillig.